Warum du den kompletten Jakobsweg wandern solltest

Tag 30 auf dem Camino de la Costa. Früh am Morgen noch lange vor Sonnenaufgang – exakt um 05:00 Uhr – klingelt der Wecker, denn wir möchten uns gegenüber der riesigen Meute von über 100 Pilgern in der Herberge in Baamonde einen kleinen Vorsprung erlaufen. Die nächste Herberge an unserem Etappenziel in Miráz stellt leider gerade einmal 30 Betten zur Verfügung.

Da wir unser Etappenziel in Miráz schon gegen etwa 09:00 Uhr erreichen, entschließen wir uns, die heutige Etappe um satte 25 Kilometer zu erweitern und bis nach Sobrado dos Monxes zu wandern. Insgesamt also über 40 Kilometer – eine schöne Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.

Am Abend wartet natürlich der tägliche Content-Part, doch leider ist der Akku meines Smartphones für diesen langen Tag nicht vorbereitet. Kaum angefangen, bricht die Aufnahme ab, und als ich es bemerke, dass mehr als die Hälfte der Aufzeichnung fehlt, ist es bereits dunkel und aufgrund der in Pilgerherbergen vorgesehenen Nachtruhe bereits Schlafenszeit. Na toll.

Falls du das Video noch nicht gesehen hast, kannst du dir den Tag hier auf YouTube anschauen.

Da ich dir den fehlenden Content natürlich nicht vorenthalten möchte, bekommst du in diesem Artikel die ausführliche Zusammenfassung mit den aus meiner Sicht vier wichtigsten Gründen, warum du den kompletten Camino de la Costa – also die gesamten 850 Kilometer von Irún nach Santiago de Compostela – an einem Stück wandern solltest und nicht in einzelnen Teilstücken bzw. -etappen.

 

Grund 1:

Unterschiedliche Eindrücke der verschiedenen Kulturen

Auf dem Küstenweg von Irún nach Santiago de Compostela durchläufst du insgesamt vier unterschiedliche Regionen bzw. autonome Gemeinschaften innerhalb Spaniens – das Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galicien. Jede dieser Provinzen hat eine eigene Kultur mit interessanten Menschen, die sowohl ihre Eigen- als auch ihre Besonderheiten haben.

Neben den unterschiedlichen Kulturen sind auch die Landschaften immer wieder anders.

Das Baskenland ist überwiegend bergig mit ständigem Auf und Ab, größtenteils ohne Industrie und körperlich eine echte Herausforderung.

In Kantabrien führt der Camino meist an der Küste vorbei an fantastischen Stränden und überwältigen Felsformationen.

Asturien hingegen ist landschaftlich eher von Industrie geprägt, was aber die keltische Kultur, die du vielleicht aus Irland oder Schottland kennst, allemal wettmacht. Sehr berühmt ist in Asturien ihre ganz besondere Methode, den Apfelwein (Cidre) in hohem Bogen, wenngleich auch sehr verschwenderisch, in das gewünschte Glas zu füllen.

Galicien macht in den Bergen, durch die der Jakobsweg führt, einen eher ärmlichen Eindruck, ist aber dafür umso pilger- und gastfreundlicher.

Würdest du dich demnach nur für eine Provinz oder einen Teil der Gesamtstrecke des Küstenweges entscheiden, fehlen dir die restlichen Eindrücke. Läufst du hingegen den kompletten Jakobsweg, kannst du alle Eindrücke aufsaugen und weißt die schöneren Gebiete umso mehr zu schätzen.

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Grund 2:

Mehr Möglichkeiten, körperlich über sich selbst hinauszuwachsen

Eine Wanderung von etwa 850 Kilometer mit sämtlichem Gepäck auf dem Rücken stellt für uns in der heutigen Zeit eine unglaubliche Belastung dar. Eine echte Extremsituation. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass eine intensive körperliche Vorbereitung auf diese Tour nicht notwendig ist, um den kompletten Jakobsweg zu wandern, so wird es zu Beginn doch zu einigen körperlichen Schwierigkeiten kommen. Bei manchen Menschen mehr, bei anderen Menschen weniger.

Wenn du nur eine kurze Etappe von beispielsweise 200 Kilometern wanderst, wirst du nicht das Gefühl bekommen, was mit deinem Körper – und natürlich auch mit deinem Geist – passiert, wenn du über 400, 600 oder auch über 800 Kilometer wanderst.

Über dich selbst hinauswachsen kannst du immer. Zumindest dann, wenn du es willst und wenn du die entsprechende Willenskraft beweist.

Neben der Gesamtstrecke von etwa 850 Kilometern kannst du täglich bei deiner Tagesetappe über dich selbst hinauswachsen.

Am Anfang nimmst du dir vielleicht vor, nur 15 Kilometer pro Tag zu meistern. Nach ein paar Tagen erweiterst du dein Tagespensum auf 20 Kilometer, einige Tage später möglicherweise sogar auf 30 Kilometer und nach einiger Zeit sind eventuell ganze 40 Kilometer keine ernsthafte Belastung mehr.

Der menschliche Körper ist ein wahres Wunder und gewöhnt sich sehr schnell an diese Belastungen, die anfangs noch als völlig unmenschlich wirken.

Du bist derjenige, der seine eigenen Grenzen austesten und die Messlatte nach oben setzen kann.

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Grund 3:

Mehr Möglichkeiten, wirklich tiefe soziale Kontakte zu knüpfen

Abhängig davon, zu welcher Jahreszeit du den Camino wanderst, wirst du eine unterschiedliche Anzahl an Mitpilgern treffen. In den Sommermonaten natürlich mehr als im Frühling oder im Herbst. Insbesondere im Juli und August sind die spanischen Jakobswege ganz besonders “voll”, weil die Spanier ihre Sommerferien genießen.

Darüber hinaus wirst du neben der unterschiedlichen Anzahl auf den einzelnen Etappen unterschiedliche Geschichten oder gar Lebens- bzw. Leidensgeschichten deiner Mitpilger mitbekommen und reflektierend auf dein eigenes Leben ganz eigene Erfahrungen machen.

Triffst du beispielsweise am 20. Tag einen Pilger, den du zufällig auch am dritten Tag begegnet bist, wird er sich dir gegenüber in aller Wahrscheinlichkeit eher öffnen als noch zu Beginn der Wanderung. Sowohl du als auch er selbst sind bei ihrer großen Reise auf dem Jakobsweg mental enorm gewachsen, sind deutlich eher in der Lage zu erkennen, worauf es im Leben wirklich ankommt, und haben ihr eigenes “Schutzschild” vor Fremden mit der Zeit abgelegt. Sie haben begriffen, dass Mitgefühl und die Fähigkeit des Gebens einen selbst mehr beflügeln und scheinbar Unmögliches eher wahr machen als Eigenbrödelei und Ich-Bezogenheit.

Diese Offenheit deines Pilgerfreundes kannst du allerdings nur empfangen, wenn du selbst diese Offenheit ausstrahlst und versendest.

Du solltest nicht erwarten, dass ein Mitpilger, der bereits 600 Kilometer unterwegs ist, sich dir gegenüber in derselben Form öffnet, wenn du gerade in der vorherigen Stadt eingestiegen bist und deine Pilgerreise gerade erst beginnst.

Diese tiefen Begegnungen werden insbesondere dann möglich, wenn du selbst den gesamten Jakobsweg wanderst.

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Grund 4:

Verschiedene mentale Phasen

Neben der körperlichen Herausforderung ist der Jakobsweg eine mentale Herausforderung.

Wenn du den gesamten Camino wanderst, bist du je nach eigenem Tempo und Etappenplanung zwischen 25 und 40 Tage unterwegs. Ohne vertrautes Heim, ohne eigenes Bett, vielleicht sogar ohne bekannte Gesichter von Freunden und Verwandten.

Zu Beginn der Pilgerreise überwiegt im Normalfall die anfängliche Motivation. Zu Hause wurde der Entschluss gefasst, endlich den Jakobsweg zu wandern, die Anreise wurde akribisch geplant und du sitzt bereits im Flieger, im Bus oder in der Bahn.

Jetzt kann es endlich losgehen.

Diese anfängliche Motivation ist bei vielen Menschen allerdings nach einer gewissen Zeit verflogen, die entweder mit falschen und zu hohen Erwartungen an die Pilgerreise herangegangen sind oder sich selbst und ihre körperlichen sowie geistigen Fähigkeiten überschätzt haben.

Ein deutliches “Zwischentief” habe ich selbst nicht nur erlebt, sondern auch bei vielen Reisenden beobachten können.

Doch dieses Zwischentief ist wichtig. Sogar ganz besonders wichtig. Insbesondere in dieser Phase, wenn der seidene Faden des Aufgebens nur noch wenige Millimeter von der mentalen Schere entfernt ist, offenbart sich unser wahrer Charakter. Aufgeben oder doch durchbeißen? Noch einmal den nächsten Schritt machen oder im nächsten Dorf ein Taxi rufen? Es wäre doch so einfach, aufzugeben. Doch dann? Was dann? Unendliche Ausreden. Scheinheilige Gründe und Erklärungen.

Für viele Pilger ist dieses Zwischentief genau die Phase, in der sie ihrem Gott begegnen bzw. sich selbst finden.

Dieses Zwischentief in seiner ganzen Tiefe und Extreme vollständig zu durchleben, ist natürlich nur dann möglich, wenn der eigene Körper und der eigene Geist in seiner ganzen Leidensfähigkeit am Limit sind. Dann, wenn nichts mehr geht. Dann, wenn unser Gehirn das Aufgeben als vermeintlich logische Konsequenz aufzeigt.

Rückblickend ist das Zwischentief die wichtigste Phase meiner gesamten Pilgerreise auf dem Jakobsweg gewesen. Ist es ein Zufall, dass genau in diesem Video der Akku meines Smartphones nachließ und ich in diesem Artikel nachträglich meine Gedanken noch einmal durchgehen darf, um den fehlenden Content-Part zu ergänzen?

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht eine höhere Macht. Wie auch immer. Die Antwort steckt tief in uns selbst. Und ich finde es faszinierend, dass es Möglichkeiten gibt, in manchen Situationen so nah und so tief unser Inneres zu entdecken und ausleben zu können.

Genau deshalb solltest du den kompletten Jakobsweg wandern.

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